Die Psychologie der Zeit

Einer Umfrage zufolge, geben mehr als ein Drittel der Deutschen an, dass sie oftmals an einer Zeitknappheit leiden. Da stellt sich dann die Frage: Die Zeit ist doch immer vorhanden, wieso kann sie dann knapp werden? Hat der Mensch von heute weniger Zeit zur Verfügung als der Mensch von gestern?

Eigentlich ist ja das Gegenteil der Fall. Wenn man bedenkt, dass die Menschen noch nie so viele Stunden an Freizeit hatten wie jetzt und der zweite Faktor, dass die Menschen noch nie so eine hohe Lebenserwartung hatten wie im 21. Jahrhundert, kann man die o.g. Umfragewerte eigentlich nicht nachvollziehen. Denn die Zeit ist eigentlich im Überfluss vorhanden. Meistens wird diese nur nicht genutzt und verstreicht fdür “Warten” und andere belanglose Dinge. Sollte Ihnen das bei nächster Gelegenheit auffallen, so nehmen Sie Ihr Fahrrad und treten in die Pedale, denn so tut man immer etwas Gutes für sich selbst.

„Zeit ist der Stoff, aus dem das Leben besteht.“… Benjamin Franklin sagte das vor mehr als 250 Jahren und hat exakt den Punkt getroffen.
Der Mensch lebt zunehmend nach seiner inneren Uhr und orientiert sich daran. Für viele fließt die Zeit auch einfach so außen an ihnen vorbei, denn die Zeit ist einfach da – oder auch nicht? Fakt ist, dass der Mensch sich an die Uhr bzw. die Zeit anpasst. Deshalb ist die Zeit nicht nur ein Wunderding der Außenwelt, sondern auch ein Faktor unseres eigenen Bewusstseins.
Es lässt sich deshalb sagen, dass die Zeit unseres Lebens nicht mit der Zeit auf den Uhren übereinstimmt, welche diese tagein, tagaus anzeigen. Jeder kennt die Situationen, in denen die Zeit verfliegt und andere Momente, in denen die Zeit einfach stillsteht.
Parallel zu der äußeren Zeit – welche durch die Zeitmesser angegeben wird – hat sich eine innere Zeit entwickelt, welche von unserem eigenen Empfinden bzw. von unserem Gehirn gesteuert wird. Das Gehirn – der moderne – oder vielleicht doch antike? – Chronograph. Fakt ist, erst seit der Einführung der Zeitmesser und durch deren stetigen Entwicklung, hat der Mensch an Zeit verloren. Dies wirft natürlich auch eine interessante These auf: Der Mensch – Sklave der Zeit und der Uhren?

Der innere Chronograph unseres Gehirns tickt ganz anders und richtet sich nach ganz anderen Gesetzmäßigkeiten als wie die Zeit des Universums. Der Mensch fühlt seine Zeit und stellt sie nicht als mathematische Zahl oder Funktion dar. Unser Gehirn orientiert sich in seiner Zeitmessung an der Menge der Informationen, die es verarbeiten muss. Je bewusster man also einer Beschäftigung nachgeht, desto mehr Zeit hat man zur Verfügung.
Dieses Phänomen belegen auch Studien. In Phasen, in welchem man aktiv ist, vergeht für die Probanden die Zeit langsamer, als wenn diese nichts zu tun haben.
Deshalb ist es auch sinnvoll, dass man sich geistig beschäftigt und ständig Neues lernt, denn wenn das Gehirn einen Prozess schon kennt, schaltet es in den Automatikmodus. Eine Studie, in der Probanden die Zeitspanne zwischen zwei Signalen bewerten sollte, ergab folgendes Ergebnis. Bei den ersten Versuchen schätzten diese das Intervall länger ein, als es tatsächlich war. Als ihnen das Signal jedoch vertraut war, wurde – trotz der gleichen Intervall-Länge – die Zeitspanne kürzer eingeschätzt.
Die Auswertung der Studien zeigte, dass tägliche Routine die Zeit schneller vergehen lässt.

Ein weiteres Phänomen war, dass zurückliegende Ereignisse als ungelebte Zeit eingestuft werden.
Ungelebte Zeit? Eigentlich lebt man doch jeden Moment, wo also ist diese Zeit abgeblieben?
Für die ungelebte Zeit ist unser Gehirn verantwortlich, da es nur neue und unbekannte Dinge als lebhafte Erinnerungen abspeichert. Alles andere verschwindet in den Untiefen der Nervenstränge und wird zu einem zeitlichen Vakuum.
Das lässt den Gedanken aufkommen, dass das Gehirn uns die Zeit stiehlt, was einzelne Personen in Stress versetzt.
Jedoch sind diese Menschen nicht gestresst, weil sie keine Zeit haben, sondern sie haben keine Zeit, weil sie gestresst sind.
An dieser Stelle kommt garantiert der Einwand: Mit Multitasking bekommt man in einer Zeit viel mehr unter einen Hut; man gewinnt also an Zeit.
Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass Multitasking die reinste Zeitverschwendung ist. Sorry, liebe Frauen, aber auch ihr seid nicht multitaskingfähig! Denn das Gehirn des Menschen ist mit dem Ablauf von mehreren Dingen gleichzeitig schlichtweg einfach überfordert. Das Gehirn ist durch die geteilte Wahrnehmung überbeansprucht, was dazu führt, dass Stunden zu gefühlten Minuten zusammenschrumpfen.
Aufgrund dessen gilt es, das Tempo rauszunehmen und einen Gang herunterzuschalten. Denn nur so wird auch der Takt der inneren Zeitwahrnehmung langsamer und man gewinnt wieder an Zeit.

Und dann gibt es sie wieder… diese Augenblicke, diese Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Diese Momente sind auch als magische Momente bekannt. Sei es ob man beim Sonnenuntergang an einem wunderschönen Strand sitzt, man auf einem Schwarzwald Berg steht und die majestätische Aussicht genießt oder einen besonderen Augenblick mit einem geliebten Menschen erlebt. In diese magischen Momente taucht der Mensch ein, versinkt zu 100 Prozent darin und lässt alles Nebensächliche an Bedeutung verlieren. Die kurzen Momente werden dann zu einer kleinen Ewigkeit.
„Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch.“…. Franz Grillparzer trifft mit diesem Zitat den Nagel auf den Kopf.

Die amerikanische Dichterin Joyce Carol Oates schrieb: „Zeit ist das Element, in dem wir existieren. Wir werden entweder von ihr dahin getragen oder ertrinken in ihr“.
Und wie ein anderer Gelehrter zu sagen pflegte, jeder ist seines Glückes Schmid oder anders ausgedrückt: Derjenige, der Schwimmen lernt und sich von der Zeit tragen lässt, hat viel mehr von diesem so unwirklichen Element.